Abschiedsspiel Herrmann

„Servus Burschi“ stand auf dem Programmheft dieses Abends. Und zum Servus Sagen waren so viele der ehemaligen und noch aktiven Spieler des HSV gekommen, dass man sie nicht alle aufzählen kann. Dass mit Hermann Rieger das letzte noch aktive Idol des HSV den Verein verließ, war auch für über 20.000 Zuschauer Grund genug, sich ins Stadion zu begeben – und dies trotz strömenden Regens. Es schien, als wenn selbst der Himmel über Hermann Riegers Abschied weinte.

Den Anfang machten die „Oldies“ und „Fußballruheständler“, die man „Legenden“ getauft hatte, was für den ganz überwiegenden Teil auch durchaus zutraf. Die Leistungen schwankten zwischen wahrhaft erstaunlich und erwartet souverän. Insgesamt war der Unterhaltungswert hoch und das Ganze eine rechte „Gaudi“. Das Spiel der noch aktiven Profis, eigentlicher Hauptpunkt des Festprogramms, litt leider unter der bierernsten Stimmung, mit der die Profis ihrem Handwerk nachgingen. Etwas weniger Verbissenheit, wäre in diesem Falle ausnahmsweise einmal mehr gewesen. Ein 1:1 war jedenfalls das Ergebnis des „Trainingsspiels“.

Nicht nur Ehrungen durch den Verein und die Vereinsabteilungen wurden Hermann Rieger zu teil, auch die Zuschauer bedankten sich mit Standing Ovations und unzähligen Sprechchören. Ein würdiger Abschied wurde Hermann Rieger zum Schluss bereitet, als ihm von seinen ehemaligen Spielern das Ehrengeleit durch das Stadion gegeben wurde. Mit diesem Abschiedsspiel ist eine Ära zu Ende gegangen, die in ihrer Art sicher einzigartig in der Welt des Fußballs ist. Dass der Mann, der 26 Jahre lang die HSV-Profis als Masseur versorgte, selbst zur Vereinsikone und zum erklärten Liebling der Fans wurde, kann nur diejenigen verwundern, die meinen, Helden oder Vorbilder müssten immer selbst im Rampenlicht stehen und Übermenschliches leisten. Dass diese vermeintlichen – in der Regel von den Medien gemachten – „Helden“ indes wenig heldenhaft sind, wenn man sie einmal genauer betrachtet, wird deutlich, wenn man sich solche „Produkte“ wie David Beckham ansieht. Dass der Junge einen tollen rechten Fuß hat, interessiert kaum, mit wem er wann, wo und wie die Nacht verbracht hat, hingegen sehr. Dagegen ist es ein äußerst befriedigendes Gefühl, Anhänger eines Vereins zu sein, dessen Idol ein Hermann Rieger ist. Ein Symbol für den Verein, dass nicht von Marketingabteilungen gemacht wurde, sondern dass die Fans und Anhänger sich selbst gesucht haben. Dabei ist das Besondere, dass man in Hermann Rieger, den einfachen Menschen schätzt. Nichts Übermenschliches oder Überirdisches (wie etwa die Selbstbezeichnung von Real Madrid als „die Galaktischen“ seinen Anhängern vorgaukelt) ist es, weshalb alle Hermann Rieger verehren und bejubeln, sondern das genaue Gegenteil – das Leise, das Normale, das Zurückhaltende und das Bescheidene.

Es sage eine Menge über den Zustand einer Mannschaft aus, wenn der Masseur der einzige allseits akzeptierte Liebling der Fans sei, bemerkte vor Jahr und Tag ein bekanntes Nachrichtenmagazin sarkastisch und kritisch, nachdem der HSV mal wieder eine dieser zu oft sich wiederholenden Niederlagenserie hingelegt hatte. Ich meine, es sagt tatsächlich etwas über die Anhänger und den Verein aus, wenn ein einfacher Mann mit ehrlicher Arbeit es zum Liebling bringt. Und genau deswegen muss man diesen Verein einfach lieben. Danke Hermann!